Daniel Barenboim dirigiert Tschaikowsky

Daniel Barenboim im Konzertsaal

Daniel Barenboim (hebräisch ‏דניאל בארנבוים‎; * 15. November 1942 in Buenos Aires, Argentinien) ist einer der musikalischen Giganten unserer Zeit. Klein und beinahe bescheiden von Statur, wächst er am Pult und an den Tasten, aber auch als eloquenter Rhetor immer wieder über sich selbst hinaus.

 

Alleine die Dimensionen seiner Karriere sind schon rekordverdächtig: 62 Jahre steht er nun schon seit seinem Debut 1950 in Buenos Aires auf der Bühne. Es gibt kaum namhafte Orchester auf der Welt, die er noch nicht dirigiert hat. Sein Repertoire reicht von Haydn bis in die Gegenwart, und das nicht nur als Dirigent, sondern auch als internationaler Pianist und Opernmusikdirektor. Bereits in jungen Jahren zählte er zusammen mit seiner damaligen Frau, der viel zu früh verstorbenen Cellistin Jacqueline du Pré, sowie deren Freunden Yehudi Menuhin, Itzhak Perlman, Zubin Mehta und Pinchas Zukerman zu einer Gruppe "junger Wilder", die mit ihrem authentischen, weil zu hundert Prozent gelebten Kammermusikstil Furore machten.

 

Daniel Barenboim ist einer der universalen Musikgenies, deren Welt nicht an der Pforte zum Konzertsaal endet. Zusammen mit dem palästinensisch-amerkanischen Intellektuellen Edward Said gründete er 1999 das West-Eastern Divan Orchestra, ein Orchester aus jungen Musikern aus Israel und Palästina. Dieses gelebte Beispiel einer "musikalischen Zwei-Staaten-Lösung" (Süddeutsche Zeitung) hat sowohl in politischer Hinsicht als auch künstlerisch unerwartet großen Erfolg. Die alljährlichen Tourneen führen das Orchester mittlerweile zu den großen Klassik-Festivals und um die ganze Welt. Als Botschafter für eine Welt, die durch Musik versöhnt und geheilt werden kann, ist Barenboim und sein Divan-Orchester ein Beispiel dafür, wie man mit gelebter musikalischer Kultur die Welt verändern und gestalten kann.

 

Bemerkenswert ist auch Barenboims besondere Auseinandersetzung mit dem Werk Richard Wagners. Ab 1981 war Barenboim als ständiger Dirigent in Bayreuth tätig und gilt heute - insbesondere mit der von ihm geleiteten Staatskapelle Berlin - als einer der weltweit profiliertesten Wagner-Interpreten. Diese Bewunderung für das musikalische Werk Wagners, die Barenboim ganz von der Figur ihres Autoren gelöst sieht, brachte ihn dazu, Wagner auch in Israel aufzuführen, wo die Werke des Komponisten als Musik Nazi-Deutschlands gelten und nicht aufgeführt werden dürfen. Nach einem Konzert der Staatskapelle im Jahr 2000 ließ Barenboim als Zugabe das Vorspiel des Tristan spielen, nachdem er das Publikum befragt hatte und nur ein kleiner Teil den Konzertsaal unter Protest verlassen hatte. Die verbliebene Mehrheit des Publikums spendete lauten Beifall. Der Vorfall wurde, wie bereits andere Versuche, Wagner in Israel aufzuführen, zum Politikum und machte Barenboim phasenweise zur "persona non grata".

 

Barenboims kreativer Schaffensdrang und sein unglaubliches Arbeitspensum mit jetzt 70 Jahren ist überwältigend und würde wohl die meisten 30-jährigen nach wenigen Tagen überfordern. Barenboim selbst beschreibt es so: "Wenn es Arbeit wäre, wäre schon die Hälfte zu viel". Er gewinnt neue Energie, wenn - am Pult oder am Flügel - die Kraft der Musik durch ihn strömt. Eine schöne Koinzidenz, die uns hoffentlich noch viele musikalische Sternstunden beschert und uns als Publikum gleich jung erhält, wie ihren Dirigenten...