Herbert von Karajan im Konzertsaal

"Eigentlich bin ich zu früh geboren" ist eines der bemerkenswerten Zitate des Musikgiganten Herbert von Karajan (* 5. April 1908 in Salzburg; † 16. Juli 1989 in Anif, Salzburg). Der österreichische Dirigent war der Komet am Dirigentenhimmel des 20. Jahrhunderts. Kaum ein anderer klassischer Musiker hat so viele Ton- und Bildaufzeichnungen eingespielt wie er (700 Werke von 130 Komponisten mit über 300 Millionen verkauften Exemplaren).

 

Als einer der ersten Maestri begann er bereits in den 50er Jahren mit der Produktion von Konzert- und Opernverfilmungen - zu einem Zeitpunkt, als ein Großteil der Musikschaffenden weder den Wert noch die spätere Bedeutung dieser neuen Medien erkannte. Zusammen mit dem befreundeten Gründer von Sony, Ario Morita, entwickelte von Karajan das Qualitätsprofil für die Einführung der Compact Disc und war gleichzeitig auch der Erste, der Neueinspielungen für diesen damals unvorstellbar hochwertigen Tonträger produzierte. Der fanatische Perfektionismus, die Grenzen des Möglichen sowohl in künstlerischer als auch technischer Hinsicht immer weiter auszudehnen, eine quasi faustische Ader, ließ von Karajan bis an sein Lebensende nicht los und macht das obige Zitat verständlich.

 

Karajan war radikaler Ästhet und bedingungsloser Willensmensch. Die Qualität und radikale ästhetische Modernität der Filmaufzeichnung, insbesondere bei der Gesamteinspielung der Beethoven-Symphonien mit den Berliner Philharmonikern in den 60er Jahren ist bis heute unerreicht. Um bei der Umsetzung keinerlei Kompromisse eingehen zu müssen, gründete von Karajan seine eigene Produktionsfirma mit dem ambitionierten Namen "Telemondial" und arbeitete nur mit ausgesuchten Regisseuren.

 

Wie kein anderer hat von Karajan die Aufführungspraxis auf Konzert- und Opernbühnen seiner Zeit geprägt. Sein Musizierstil legte größtes Gewicht auf Klang, der stets die Körperlichkeit und Ansatzgeräusche von Instrumenten zu transzendieren versucht. Passender Weise dirigierte Karajan häufig mit geschlossenen Augen, sozusagen aus der Kraft seiner inneren Hör- und Klangvorstellung heraus. Obwohl er damit auf eine der wichtigsten Kommunikationsmittel mit dem Orchester zu verzichten scheint, ist es faszinierend, welchen kollektiven Konzentrations- und Transzendenzeffekt er damit erzielt.

 

Wir wollen nicht verschweigen. dass von Karajans enormer Einfluss auf die Musizierästhetik und den Orchesterklang seiner Zeit auch viele Kritiker auf den Plan gerufen hat, die von Karajans Klang für zu "stromlinienförmig" und "geglättet" hielten. Schließlich ist auch anzumerken, dass viele dieser Kritiker von Karajan seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP nie verziehen und bei der Beurteilung des Musikers oft politische mit künstlerischen Motiven vermischt haben.