Karl Richter im Konzertsaal

Karl Richters (* 15. Oktober 1926 in Plauen; † 15. Februar 1981 in München) Bedeutung als Organist, Cembalist und Dirigent für die Bach-Interpretation des 20. Jahrhunderts ist ohnegleichen. Wie kaum einen Musiker vor oder nach ihm prägte ihn eine Art Seelenverwandtschaft. Er schien über eine Art inneren Schlüssel zum Verständnis der Werke des großen Barockmusikers zu verfügen.

 

Diese Innensicht der Werke Bachs verlieh den Konzerten von Karl Richter mit seinem Münchner Bach Orchester eine energetische Intensität und eine radikale Transzendenz, wie sie bis dahin der vor allem durch Romantisierung geprägten Bach-Rezeption völlig fremd war. Es ist deshalb auch schwer, die spezifische Prägung Richters einer bestimmten Richtung zuzuordnen. Weder radikale Ent-Romantisierung, der Verzicht auf Rubati und Dynamikwechsel, noch die ausschließliche Verwendung historischer Instrumente, wie sie später in Mode kam, treffen den Stil Karl Richters zu Gänze. Vieles an seinem Musizierstil ergab sich aus dem Moment des mystischen Begreifens, wurde oft unvermittelt an Stellen laut, wo sonst niemand laut wurde oder innig, wo andere drüber hinweg spielten. Der große Sänger und Wegbegleiter Richters, Dietrich Fischer-Dieskau, beschreibt dies so:

 

"... Während der Aufführungen enthusiasmierte er Ausführende wie Hörende, und nie konnten die genau Einstudierten sicher sein, ob sie nicht geheimnisvoll in ganz andere Ausdruckssphären und damit andere Tempi und Lautstärken geführt wurden, nicht wissend, wie ihnen geschah...Kein bequemer Künstler war er, folglich auch kein bequemer Mensch. So hat er nicht bloß Anstöße gegeben, sondern auch Anstoß erregt. Wer wie er sein ganzes Leben einsetzt, ohne Rücksicht auf das Herz oder die immer gefährdeten Augen, der kann auch unduldsam bis zur Härte werden, wenn es um das Werk, die Leistung - und nicht zuletzt ums Ansehen ging.

Es gibt keine Steigerungsform für globalem Ruhm. Doch für Karl Richter müsste man sie erfinden, denn dem großen Interpreten, der leider viel zu früh an Herzversagen starb, wurde die äußerst seltene Ehre zuteil, dass die NASA 1977 seine Aufnahme des 2. Brandenburgischen Konzert mit auf dem "Golden Record" speicherte, der den Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 beilag, die mittlerweile bereits unser Sonnensystem verlassen haben. Wenn es also Außerirdische geben sollte, wissen wir, dass sie bestimmt als Erstes eine der schönsten Errungenschaften unserer Kultur zu Gehör bekommen werden.