Bernstein dirigiert Beethovens Vierte

Leonard Bernstein im Konzertsaal

Leonard Bernstein (* 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts; † 14. Oktober 1990 in New York City) zählt zu den herausragendsten amerikanischen Musikern des 20. Jahrhunderts. Sein enormer Einfluss auf das Musikschaffen und die Aufführungspraxis seiner Zeit beruht auf seinen gleichermaßen erstklassigen Talenten als Komponist, Dirigent und Pianist. Kurz nach seinem Musikstudium an der Harvard University sprang er 1943 beim New York Philharmonic Orchestra für den verhinderten Bruno Walter ein und wurde dadurch über Nacht bekannt. Bernsteins überwältigender Erfolg und sein enormes Charisma brachten ihm später die Leitung dieses Orchesters ein, als erstem US-Amerikaner in der Geschichte. In der Folge war er überdies regelmäßiger Gastdirigent u.a. bei den Wiener Philharmonikern, dem Bayrischen Rundfunkorchester und den Salzburger Festspielen. Mit Herbert von Karajan verband ihn zeitlebens eine freundschaftliche Rivalität.

 

Bernstein ist zugleich einer der ganz wenigen Exponenten der abendländischen Musikgeschichte, die im Jazz genauso genuin und authentisch waren wie beispielsweise in der Spätromantik Mahlers. Bernstein ist damit auch der lebende Beweis dafür, dass die Skismen zwischen Musikrichtungen, insbesondere die deutsche Teilung in "U"- und "E"-Musik und die damit verbundene Wertschätzung, künstlich und konstruiert sind.

 

Leonard Bernstein hat als Komponist mit Bühnenwerken und deren Verfilmungen, u.a. "West Side Story", "On the Town", "Wonderful Town", "Trouble in Tahiti" und "Candide" vermutlich die größte Resonanz erreicht, die einem klassischen Musiker im 20. Jahrhundert zu Teil werden konnte. Das besondere an diesen Werken ist auch, dass sie — obschon sie vielfach der "leichten Unterhaltung" zugerechnet werden — mehr dramatisches, soziales und politisches Konfliktmaterial enthalten als viele Opernwerke, selbst die des sogenannten "Verismo". Diese Konfilktmatrix zeigt sich auch in Bernsteins virtuosem Gebrauch sowie der genialen Verbindung von klassisch-symphonischen Kompositionstechniken mit der radikalsten rhythmischen Neuerfindung in der Musik seit Monteverdi: dem amerikanischen Swing. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die Nummer "Cool" aus der West Side Story, deren Durchführung im Grunde die Kunst der Fuge mit dem Drive einer Big Band verschmelzen lässt.

 

Auch als Dirigent und Musiker ist Bernstein einer der wirkungsmächtigsten und glaubwürdigsten Botschafter eines tief empfundenen musikalisch-humanistischen Auftrags. Legendär ist seine Interpretation der symphonischen Werke Gustav Mahlers, mit dem ihn, den melancholischen Titan, eine Seelenverwandtschaft verband. Unerreicht ist auch seine Interpretation von Gershwin's "Rhapsody in Blue" als Pianist und Dirigent zusammen mit dem New York Philharmonic Orchestra. Was ihn aber in dieser Hinsicht vollends zu einer absoluten Ausnahmeerscheinung macht, sind seine Auftritte als Moderator in Fernseh- und Bühnenprogrammen zu diversen musikalischen Themen. Neben den "Harvard Lectures" und den "Young People's Concerts" zählt dazu vor allem die "Omnibus"-Reihe aus den 1950er Jahren, die Klassik.TV demnächst in einer untertitelten Fassung ausstrahlen wird.

 

Die wichtigsten Werke als Komponist:

- West Side Story (1957, u.a. auch die "Symphonic Dances" als Orchesterfassung)
- Candide (1956, Neufassung 1974, die Ouvertüre gehört zum Orchester-Standardrepertoire)

 

Die wichtigsten Einspielungen als Dirigent:

- Einspielung sämtlicher Mahler Symphonien mit den Wiener Philharmonikern
- 9. Symphonie von Beethoven mit den Berliner Philharmonikern zum Mauerfall
- Rhapsody in Blue als Pianist und Dirigent mit den New York Philharmonic

 

Die wichtigsten Werke als Musik-Botschafter:

- Omnibus (ab 1953, TV Serie u.a. mit Beethoven's Fünfter)

- Harvard Lectures (1973)

- Young People's Concerts