"Otello" im Konzertsaal

1887 uraufgeführt

Libretto: Arrigo Boito

Otello - Verfilmung von Herbert v. Karajan
Klassik.TV Opernloge - kurze Videoeinführung

 

Otello ist die Opernfassung der (beinahe) gleichnamigen Tragödie "Othello, Mohr von Venedig" von William Shakespeare. "Mohr" steht hier im übrigen nicht wie üblich für Schwarzafrikaner, sondern für "Maure": Ein konvertierter Muselmann als Feldherr und Statthalter einer venezianischen Provinz war ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Um diese vielschichtig strahlende Titelrolle herum - den guten, aber heißblütigen "Wilden" - entwickelt Shakespeare mit nur wenigen Figuren, Jago, Desdemona und Cassio, eine der überwältigendsten Tragödien der Theatergeschichte. Auch für Verdi, der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hatte und nur durch starkes Zureden seitens seines Librettisten Arrigo Boito noch einmal bewegt werden konnte, wurde "Otello" zu seinem größten Triumph. Die Amerikanische Journalistin Blanche Roosevelt schreibt über die Premiere:

Die Ovationen für Verdi und Boito überschritten allen vorstellbaren Enthusiasmus. Verdi wurde ein silbernes Buch mit den Unterschriften aller Bürger Milanos überreicht. Er wurde mehr als zwanzig Mal herausgerufen und bei den letzten Malen wurden Hüte und Taschentücher geschwenkt und das komplette Haus stand. Die Gefühle waren unbeschreiblich und viele weinten. Verdis Kutsche wurde von Menschen zum Hotel gezogen. Er wurde unaufhörlich beglückwünscht und besungen. Bis fünf Uhr Morgens konnte ich kein Auge zutun, weil in den Gassen die Menge endlose „Viva Verdi!“-Rufe ausstiess. Wer würde daran zweifeln, dass diese Rufe nicht von allen Ecken der Welt wiederhallen würden?

Der Grund für diesen überwältigenden Erfolg lag unter anderem auch in der enormen Empfindungssicherheit Verdis bei der Gestaltung dieses großen Stoffes. Zusammen mit seinen herausragenden Librettisten Boito, konzentrierte er sich auf die dramatischen Grundlinien und fand grandios moderne, beinahe cinematographische Lösungen für die Katastrophenmomente der Tragödie. Das radikal Neue am Otello ist Verdis freier Umgang mit den Formen der Oper, der Rolle des Orchesters und der Gesangslinien: Anstelle einer Ouvertüre beginnt die Aufführung mit einem wilden Sturm, der Otellos Flotte beinahe vernichtet.

Hier zeigt sich auch Verdis gereifter Orchesterstil, der - ohne sich an den mittlerweile dominierenden Wagnerianismus anzulehnen - eine neue und genuine Sprache findet. Auch die Behandlung der Gesangsstimmen ist besonders: Otello, die Hauptpartie, hat im Grunde genommen keine einzige Arie. Ihre Gesangslinien ergeben sich vielmehr aus dem "Parlando", also aus der Sprechmelodie. Und mit Desdemonas "Weidenlied", das sie kurz vor ihrer Ermordung durch Otello singt, steigert Verdi in einer Art "Suspense"-Szene die Spannung ins Unerträgliche. Insgesamt erzielt Verdi mit diesen Neuerungen eine unheimliche emotionale Verdichtung des ohnehin schon gewaltigen Dramas und vollzieht einen wichtigen Schritt weg von der Belcanto-Oper hin zu einem modernen, eigenständigen italienischen Musiktheater.

 

Handlung:

Erster Akt: Ein Platz vor dem Schlosse

Ein Sturm vor der Insel Zypern. Otellos Flotte kehrt glücklich und siegreich aus einem Feldzug gegen die Türken zurück. Alle jubeln - außer Jago. Der sinnt auf Rache, weil er sich durch die Beförderung des jungen Cassio zum Hauptmann übergangen fühlt. Jago macht Cassio gezielt betrunken. In der Folge entsteht ein Streit unter den heimlichen Verehrern von Otellos Frau Desdemona. Cassio zieht seine Waffe und verletzt den alten Statthalter Montano, der den Streit schlichtet. Otello wird der Vorfall berichtet, woraufhin er Cassio wegen dessen Raserei und Unbeherrschtheit degradiert.

Zweiter Akt: Ein ebenerdiger Saal im Schloss

Der arglistige Jago rät Cassio, seine Degradierung rückgängig zu machen, indem er Desdemona bittet, für ihn bei Otello um Gnade zu bitten. Danach alleine, bekennt er sich in einer großartigen Arie zum "Credo" des Bösen. Jago sorgt dafür, dass Otello scheinbar zufällig vom Plan Cassios erfährt und als Folge Desdemona brüsk zurückweist, als sie um Gnade für Cassio bittet. Jago entwendet kurz danach der Zofe Desdemonas ein Tuch, das ihr Otello geschenkt hat. Otello gegenüber schildert er listig, dass Cassio im Schlaf von Desdemona spreche, was die Eifersucht des heißblütigen Otello schürt. Der fordert Beweise, woraufhin Jago das Tuch präsentiert und behauptet, dass er es bei Cassio gesehen hätte. Otello ist außer sich und schwört Rache.

Dritter Akt: Der Hauptsaal des Schlosses

Jago und Otello treffen sich im Hauptsaal des Schlosses. Als Desdemona dazukommt, fragt Otello sie beiläufig nach dem Tuch. Desdemona versichert wahrheitsgemäß, dass sie es verloren hätte. Doch damit nicht genug, sie bittet noch einmal um Fürsprache für Cassio. Der rasende Otello beschimpft sie daraufhin als Dirne und jagt sie hinaus. Daraufhin erscheint Cassio, den Jago geschickt in ein zweideutiges Gespräch verwickelt, das Otello im Versteck belauscht. Als Cassio zudem das Tuch in Händen hält, das ihm Jago zuvor geschickt zugespielt hatte, ist Otello überzeugt und will Desdemona vergiften. Jago rät ihm dagegen, sie im Bett - wo sie ihn betrogen habe - zu erwürgen. Kurz danach erscheint eine Delegation aus Venedig, die Otello unverzüglich zum Dogen ruft. Cassio soll ihn so lange auf Zypern vertreten. Als Desdemona abermals für Cassio bittet, schleudert sie Otello vor den Augen aller zu Boden. Das Volk versucht, Otello von seiner Raserei abzuhalten. Doch er lässt alle davonjagen. Alleine bricht er erschöpft zusammen. Die Intrige triumphiert.

Vierter Akt: Schlafgemach der Desdemona

Desdemona betet vor der Nachtruhe und singt, als ahnte sie ihren nahen Tod, ein wehmütiges Lied aus ihrer unbeschwerten Jugendzeit. Als Otello zu ihr kommt, löscht er das Licht und küsst sie drei Mal. Desdemona erwacht und beteuert ihre Liebe, doch Otello, blind vor Eifersucht, glaubt ihr nicht und erwürgt sie. Ihre Zofe bemerkt den Mord und holt Hilfe herbei. Schnell wird klar, dass Desdemona und Cassio unschuldig sind und Otello das Opfer einer Intrige Jagos geworden ist. Ehe es die umstehenden verhindern können, stößt sich Otello seinen Dolch ins Herz. Sterbend beteuert er noch einmal seine Liebe zu Desdemona. Jago entzieht sich seiner Verantwortung durch Flucht.

Besetzung:

Otello, ein Maurischer General (Tenor)
Desdemona, seine Frau (Sopran)
Jago, Otellos Vertrauter (Bariton)
Emilia, Frau des Jago und Zofe der Desdemona (Mezzosporan)
Cassio, Otellos Hauptmann (Tenor)
Roderigo, Eine Edler aus Venedig (Tenor)
Lodovico, Botschafter der Republik Venedig (Bass)
Montano, Ehemaliger Statthalter (Bass)
Ein Herold (Bass)